Was genau ist Alkohol? Wie oder wo lässt er sich einstufen?
Ich hatte schon Bedenken, dass Sie die chemische Formel wissen wollen. Wir bezeichnen Alkohol ganz klar als Nervengift. In der Gesellschaft wird Alkohol als Genussmittel wahrgenommen. Wir sprechen bei unserer Gesellschaft gerne auch von einer Permissivkultur. Heißt: Alkohol ist in unserer Gesellschaft ausdrücklich erlaubt, er gehört ganz klar dazu.
Das stimmt. Alkohol ist absolut akzeptiert. Man muss eher legitimieren, wenn man nicht trinkt, als wenn man trinkt.
Ja, wir leben in einer Kultur „des Trinkens“. Alkohol ist ja auch omnipräsent, griffbereit, sei es als Dankeschön, auf der Abschlussfeier, beim Anstoßen mit dem Glas Sekt. Wir haben es in der Regel zuhause. Als wir kürzlich unser neues Auto abgeholt haben, war es das erste Mal, dass wir keine Flasche Alkohol als Präsent erhalten haben. Und Alkohol ist preislich relativ erschwinglich.
Gibt es denn überhaupt so etwas wie einen gesunden Konsum von Alkohol?
Ganz klar: Nein. Es gibt keinen gesunden Alkoholkonsum. Viel eher spricht man von einem sogenannten risikoarmen Konsum. Für einen risikoarmen Konsum gibt es Richtwerte der WHO (Weltgesundheitsorganisation) in Gramm pro Tag, die für gesunde Menschen als akzeptable und tolerierbar gelten.
Bei gesunden Frauen liegt der Richtwert demnach bei bis zu 16 Gramm pro Tag. Das wären dann umgerechnet 0,4 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein pro Tag. Bei Männern liegen die Werte bei bis zu 24 Gramm Alkohol pro Tag. Das entspräche 0,6 Liter Bier oder 0,3 Liter Wein. Wichtig zu beachten: Mindestens zwei Tage Pause dazwischen– also zwei Tage in der Woche sollten komplett alkoholfrei sein bzw. bleiben.
Trotz der Kriterien – wenn man fünf von sieben Tagen „trinken darf“, ohne dass der Konsum als risikoarm und unbedenklich gilt, klingt das dennoch nach nicht wenig. Provokativ gesagt: Theoretisch könnte ich von Montag bis Freitag jeden Tag mein Feierabendbier trinken, nur Samstag und Sonntag wäre dann Pause.
Die Richtwerte dürfen nicht als Ermunterung oder Aufforderung zum regelmäßigen Alkoholkonsum gesehen werden. Selbst das sog. Feierabendbier impliziert ja: Ich brauche das, um runterzukommen. Wenn man es genau nimmt, sind das keine zwei Bier am Tag für Männer: Ein Bier umfasst 0,33 Liter. Bei zwei Bier wäre man schon bei 0,66 Liter. Das sind mehr als der Richtwert von 24 Gramm pro Tag.
Alkoholmissbrauch ist eine Stufe auf dem Weg zur Abhängigkeit. Langfristig bzw. über einen Zeitraum kann der Alkoholmissbrauch zu Alkoholabhängigkeit führen. Eine Alkoholabhängigkeit ist eine stoffgebundene Abhängigkeit.
Und ab wann spricht man dann von einer Alkoholabhängigkeit? Gibt es da bestimmte Kriterien?
Kriterien ist das Stichwort. Ja. In der ICD-10 (internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) der WHO sind die Kriterien für eine Abhängigkeit so festgelegt:
Eine Alkoholabhängigkeit liegt vor, wenn in den letzten 12 Monaten mindestens drei der insgesamt sechs Kriterien gleichzeitig erfüllt wurden: Zunächst einmal der drängende Wunsch, Alkohol zu konsumieren. Dann die verminderte Kontrollfähigkeit, was den Beginn, die Beendigung und die Menge an Alkohol betrifft. Dann das körperliche Entzugssyndrom und die Toleranzentwicklung. Ich brauche also eine kontinuierliche Erhöhung der Dosis oder Menge, um die gleiche Wirkung erzielen zu können. Darüber hinaus zählt auch die Vernachlässigung von Vergnügen und anderen Interessen zu den Kriterien. Und das letzte Kriterium ist: selbst bei nachweislich schädlichen Konsequenzen hält der Konsum weiter an.
An der Stelle ist noch zu erwähnen: Eine Abhängigkeitsdiagnose dürfen ausschließlich Ärzte oder Suchttherapeuten stellen.
Gibt es denn bestimmte Risikokonstellationen oder Ursachen für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit? Kann man sagen: Diese oder jene Personengruppe ist gefährdeter dafür, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln?
Hier würde ich auf die drei Entstehungsbedingungen von Suchterkrankungen eingehen, die ich auch in unserer Motivationsgruppe erläutere, denn die gelten für Suchterkrankungen per se und sind zunächst unabhängig von der Substanz.
Das ist einmal das Vorhandensein des Suchtmittels. In Falle von Alkohol: Alkohol ist ab einem gewissen Alter frei zugänglich. Dann spielen persönliche Faktoren und eine mangelnde Emotionsregulierung eine wichtige Rolle. Schaffe ich es, mit unangenehmen Emotionen umzugehen oder versuche ich, sie zu vermeiden oder zu überdecken? Und als drittes die äußeren Bedingungen, also das Umfeld und die Umwelt. Habe ich beispielsweise ein alkoholaffines Umfeld. So ganz trennscharf sind die Faktoren nicht immer. Leistungsdruck kann von außen kommen, aber auch ein persönlicher Faktor sein. Schlussendlich ist es das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Man kann also nicht sagen: Diese Gruppe hat ein höheres Risiko oder Männer haben ein höheres Risiko als Frauen?
Nein, das kann durch alle Alters- und Berufsgruppen gehen. Wir haben in den Gruppen alles querbeet sitzen. Von 19 Jahren bis 72 Jahren ist alles dabei. Die Spannbreite ist sehr groß.
Und man kann wahrscheinlich auch nicht sagen: Frauen konsumieren eher das Getränk, Männer eher das?
Nicht wirklich. Als ich beim Lukas-Werk angefangen habe, hieß es noch: Frauen greifen eher zu Tabletten, Männer eher zu Alkohol. Aber da bestehen in der Regel keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was den Alkohol angeht. Auch Männer trinken Wein. Aber es wirkt natürlich schon anders, wenn es so ein Billiggetränk aus dem Tetrapack oder eher das Glas Wein ist.
Ich beobachte zumindest bei beiden Geschlechtern: Es wird ein hoher Aufwand dahingehend betrieben, den eigenen Konsum zu „vertuschen“. Sei es nun durch Supermarkthopping, zu unterschiedlichen Zeiten einkaufen zu gehen oder unterschiedliche Kassierer abzupassen.
Das Gefühl, sich zu schämen, spielt da sicherlich auch eine Rolle. Das ist schon paradox, aber so akzeptiert Alkohol in unserer Gesellschaft ist, so unangenehm ist es mir, mit Alkohol an der Kasse gesichtet zu werden. Zu Silvester wollte ich einer Freundin Eierlikör mitbringen. Dafür brauchte ich Doppelkorn. Es kostete mich einiges an Überwindung, in der Spirituosenabteilung nach Doppelkorn zu suchen. In solchen Situationen überlege ich: Was denkt jetzt der Kassierer oder die anderen Leute um mich herum?
Vielleicht kann ich hier direkt die Frage nach den Auswirkungen von Alkohol anschließen?
Zunächst einmal ist die Wirkung sedierend und euphorisierend. Die reine Wirkung von Alkohol hängt natürlich vom Promillewert ab. Bei akutem Alkoholkonsum sind das Auswirkungen auf die Reaktionszeit, Aufmerksamkeit und so weiter. Körperlich bzw. organisch kann es zu Lebererkrankungen, Schädigungen der Bauchspeicheldrüse, Nervenschädigungen im Gehirn, Herz-Kreislauferkrankungen wie bspw. Bluthochdruck oder Herz-Rhythmus-Störungen oder aber auch Krebsarten wie bspw. Speiseröhrenkrebs kommen. Gleichzeitig darf man die psychischen Folgen nicht außer Acht lassen. Hier können beispielsweise Stimmungsschwanken, Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und weitere Erkrankungen auftreten.
Ganz häufig weiß man auch nicht: Ist die psychische Erkrankung nun Ursache oder Folge der Alkoholabhängigkeit. Das fragen wir uns hier auch ganz häufig. Schlussendlich bedingt es sich wahrscheinlich gegenseitig.
Wenn ich jetzt an den Arbeitskontext denke. Was können auf der Arbeit und unter Kollegen Hinweise darauf sein, dass jemand ein Problem mit Alkohol hat? Wie spreche ich „das Problem“ an?
Es gibt mögliche Hinweise. Natürlich müssen die nicht auftreten, es sind möglich. Das können beispielsweise eine abnehmende Arbeitsleistung sein oder wenn man sich um das Wochenende herum immer wieder zusätzlich freie Tage nimmt oder fehlt, bspw. am Montag oder Freitag. Aber auch verlängerte Pausen, starker Parfümgeruch (anders bzw. stärker als sonst üblich), häufiges Lüften, um Schweißausbrüche zu kaschieren. Führungskräfte sollten dazu geschult sein. Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht. Kollegen sollten konkret angesprochen werden, wobei natürlich davon abgesehen werden sollte, dem Kollegen oder der Kollegin eine Diagnosen zu stellen oder diese zu vermuten.
Und dennoch ist es nicht so leicht, solch ein Thema anzusprechen. Es fällt uns leichter, auf eine äußerliche Erkrankung hinzuweisen. Wenn jemand zum Beispiel ein gebrochenes Bein hat. Das würde niemand als komisch empfinden, das anzusprechen. Und häufig ist es ja auch eine lange Zeit des Verdrängens und der Verharmlosung, nach dem Motto „Ich kann ja selbst noch arbeiten gehen.“ Im besten Falle besteht eine klar formulierte Dienstvereinbarung zum Thema Sucht. Und natürlich kann an das Lukas-Werk als Anlaufstelle verwiesen werden.
Abschließend: Ist das Thema „Alkohol“ unter den heutigen Jugendlichen noch ein großes Thema? Und kann das frühe Konsumieren dazu führen, dass das Risiko steigt, später in bestimmten Momenten (Stichwort: Emotionsregulation) eher zu Alkohol zu greifen?
Wir beobachten tatsächlich weniger junge Menschen mit Alkoholproblemen. Was natürlich sein kann, dass die Personen vielleicht neben ihrer eigentlichen Problematik noch ein Alkoholproblem aufweisen. Aber bei Jüngeren fällt uns eher der „Trend“ zum Konsum illegaler Drogen, Energy-Drinks, Vapes oder der Medienkonsum auf. Und es ist inzwischen eher ein Livestyle. Es ist nicht mehr das Komasaufen und besoffen in der Ecke liegen – ganz überspitzt ausgedrückt.
Haben Sie Fragen oder möchten Sie weiterführende Informationen erhalten? Wenden Sie sich gerne das Lukas-Werk Gesundheitsdienste unter https://www.lukas-werk.de/


