Ob als Wecker, als Navigationssystem, bei der Essensbestellung, beim Lernen, beim Informieren und Recherchieren, beim Einkaufen, bei der Abwicklung von Bankgeschäften, abends beim Streamen, bei der Kommunikation oder bei der Partnersuche.
Gesundheitskoordinatorin Helene von Stülpnagel hat Julia Watteroth vom Lukas-Werk Gesundheitsdienste in Helmstedt rund um das Thema Medien, Medienkonsum und den bewussteren Umgang mit dem Smartphone befragt.
Wie viel Zeit verbringen wir im Schnitt pro Tag am Smartphone? Gibt es dazu Ergebnisse?
Dazu habe ich tatsächlich Zahlen finden können. Im Schnitt sind das ca. 2 ½ Stunden pro Tag für verschiedene Aktivitäten. Bei Jüngeren (18 bis 29 Jahre) liegt die durchschnittliche Zeit pro Tag sogar noch höher, da sind es durchschnittlich vier Stunden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich persönlich nicht auf diese Zahlen bzw. Zeiten.
Nachfrage: Eher mehr?
Nein, weniger. Aber die Frage ist ja, was zählt dazu und auf welchem Gerät. Zum Beispiel nutzen viele das Smartphone schon als Wecker, die Einkaufslisten-App oder dafür, das Kind bei der Kita abzumelden und und und. Ich schaue zum Beispiel gerne Netflix. Das ist auch ein Medium, wenn auch nicht das Smartphone. Oder Hörbücher, das kann ja inzwischen auch über das Smartphone konsumiert werden, allerdings hat man hier ja keine wirklich aktive „Screen-Time“.
Und während Corona sind die Zahlen der von Medienabhängigkeit Betroffenen übrigens stark gestiegen. Da bestand ein Zusammenhang zwischen Zunahme und Pandemie.
Man unterteilt die Mediennutzung in unterschiedliche Kategorien. Dazu zählen zum Beispiel das Streaming (beispielsweise Netflix schauen), Online-Shopping, Onlinerecherche (permanentes Surfen und Suchen nach Informationen), Internetpornografie, Soziale Netzwerke und Gambling (Online-Glücksspiel). Hierbei wird also weniger nach Smartphone, PC usw. unterschieden, sondern eher nach den Verhaltensweisen, die verschiedenen Arten der Nutzung.
Zwischenfrage: Man kann abhängig von Online-Recherche sein?
Damit ist eher das Daddeln auf dem Handy gemeint, was kein wirkliches Ziel oder eine Funktion erfüllt und keinen direkten Mehrwert bringt. Man tippt sich so von Beitrag zu Beitrag und weiß gar nicht recht, was man eigentlich sucht. Man verliert sich mehr oder weniger in den Inhalten und es vergeht Stunde um Stunde.
Smartphone-Sucht, gibt es so etwas dann überhaupt? Ist das eine eigenständige, anerkannte Erkrankung nach ICD?
Der Oberbegriff ist eher Medienabhängigkeit. Es wird auch eher von einer problematischen Nutzung und weniger von einem Suchtverhalten gesprochen. Medien- oder Smartphone-abhängigkeit ist jedoch weder in der ICD-10 noch im DSM-5 als eigenständige Störung aufgeführt. In der ICD-10 fällt „Internetsucht“ noch unter die Kategorie „Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ Es gibt zwar durchaus schon eine Neufassung der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen. Die kann jedoch noch nicht heruntergeladen oder eingesehen werden. Daher gehen wir nach wie vor von der ICD-10 aus. In der neuen ICD-11 soll jedoch krankhaftes Video- und Online-Spielen als anerkannte Abhängigkeitserkrankung aufgeführt werden.
Ab wann ist Smartphone-Nutzung denn problematisch? Welche Anzeichen gibt es? Wie machen sich diese bemerkbar?
Zunächst muss ich sagen: In unserer Reha hatte ich bislang noch nicht so viele Personen mit einer Medienabhängigkeit, die genau deshalb zu uns gekommen sind. In der eigentlichen Beratung dann schon eher. Allerdings kommt selten jemand direkt mit einer bzw. wegen einer Medienabhängigkeit. Meist kommen die Menschen mit einer anderen Problematik zu uns und es zeigt sich dann im weiteren Verlauf, dass sie beispielsweise auch in Bezug auf die Mediennutzung ein Problem haben.
Einen Patienten hatten wir, der wurde zu uns geschickt vom Arbeitgeber, da er am Arbeitsplatz auffällig geworden ist. Er ist in den Stufenplan gerutscht (Anmerkung: Verstoß gegen arbeitsvertragliche bzw. dienstrechtliche Pflichten oder deren Vernachlässigung im Zusammenhang mit Suchtmittelkonsum oder suchtbedingtem Verhalten) Man stellte bei ihm fest, dass er häufig anderweitig, also nicht mit seiner eigentlichen Arbeit beschäftigt war. Tagsüber war er bei der Arbeit häufig sehr müde, vermutlich, da er bis in die Nacht hinein mit verschiedenen Medien beschäftigt war. Häufig fallen diese Menschen auch durch einen sozialen Rückzug auf oder auch durch ihre Körperhaltung, zum Beispiel Rundrücken. Das kennt man ja auch selbst, dieser ständige Blick nach unten auf das Handy. Man hält sich das Smartphone ja nicht direkt vor das Gesicht. Das war jetzt bei diesem Patienten nicht der Fall. Er war jedoch stark übergewichtig, da er sich schlichtweg zu wenig bewegt und zu viel gegessen hat. Das kann zum Beispiel auch eine Begleiterscheinung von exzessiver Mediennutzung sein. Schlussendlich hat er jedoch den Arbeitsplatz verlassen, womit auch die Reha bei uns beendet wurde. Inzwischen ist er vollständig auf verschiedenen Geräten unterwegs.
Und es gibt natürlich Anzeichen für eine problematische Nutzung. Das wären unter anderem der bereits erwähnte soziale Rückzug oder das veränderte Essverhalten, ein veränderter Tag-Nacht-Rhythmus, ein möglicher Leistungsrückgang in der Schule oder bei der Arbeit, der intensive Drang, ein bestimmtes Medium zu nutzen oder auch der Kontrollverlust über die Nutzung.
Wo endet ein normaler und irgendwie auch „notwendiger“ tagtäglicher Gebrauch, wo beginnt exzessive Nutzung?
Das ist gar nicht so leicht abzugrenzen. Es gibt durchaus eine Medienzeit bzw. Faustregel, an der man sich orientieren kann: 10 Minuten Medienzeit pro Lebensjahr am Tag. Oder eine Stunde pro Woche. Bei jüngeren Kindern sollte das deutlich weniger sein. Ich denke mir, bei einem 5-Jährigen 50 Minuten am Tag ist schon viel. Das muss man dann auch bewusst einschränken.
Gleichzeitig wird das auch wieder schwierig. Zum Beispiel bei der Arbeit: Zählt da die Arbeit am PC mit in dieses Zeitkontingent?
Insgesamt sollte der Fokus aber besser auf das gesunde Nutzungsverhalten gelegt werden. Ich würde nicht sagen, ein kompletter Verzicht sei die Lösung, sondern viel eher das Aneignen von Medienkompetenz. Wir müssen in die Lage versetzt werden, die Vorteile vom Smartphone, aber auch bewusst andere Wege nutzen zu können. Zum Beispiel, wenn wir wissen: Ich kann ein Kleidungsstück online kaufen, ich kann aber genauso gut auch in den Laden gehen und dort Kleider kaufen. Ich kenne nicht nur den einen Weg des Online-Shoppings. Mir sind da andere Wege auch bekannt und ich kann wählen und mich bewusst für einen Weg entscheiden.
Abgrenzung zu anderen Abhängigkeiten? Was macht diese Abhängigkeitsform so „besonders“ bzw. anders?
Zunächst ist die Medienabhängigkeit eine nicht stoffgebundene Abhängigkeit. Anders also als beispielsweise bei Alkohol lässt sich schwer komplett auf Medien oder auf das Smartphone verzichten. Dafür ist es auch zu allgegenwärtig im täglichen Leben. Es kann zum Beispiel auch keine Abstinenzmaxime verfolgt werden.
Das Handy ist ein ständiger Begleiter geworden und anders als beim Laptop ist man mit dem Smartphone ja auch mobil. Man kann jederzeit und überall ins Internet, seine Nachrichten checken. In vielen Fort- und Weiterbildungen wird von „always online – always available“ gesprochen. Man ist stets und ständig online und kann jederzeit reagieren. Und oft macht sich dann das Phänomen von „Fear of missing out“ bemerkbar, kurz: FOMO. Auf deutsch: Die Angst, etwas zu verpassen oder etwas nicht mitzubekommen, wenn ich mal eine gewisse Zeit nicht aufs Smartphone schaue.
Außerdem ist das Smartphone in unserer Gesellschaft vollkommen akzeptiert. Es wird niemand komisch gucken, wenn ich in der Praxis sitze und am Handy herumdaddele. Da ist auch der Unterschied zu den stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen. Wenn ich da mit einer Bierflasche in der Hand sitze, wird man da viel eher komisch angeschaut.
Worin besteht der „Kern“ der Abhängigkeit? Was macht schlussendlich abhängig?
Für viele bedeutet die Smartphonenutzung ja auch Eingebunden sein, Dazugehören, Wertgeschätzt werden. Ich hatte einmal eine Patientin, die hat es während der Coronapandemie für sich entdeckt, Videos in einer App hochzuladen, in der man dann mit echtem Geld beschenkt werden konnte. Sie hatte dann zwar auf der einen Seite Schulden gemacht, auf der anderen Seite wurde sie beschenkt, wurde eingebunden und wertgeschätzt. Sie zum Beispiel wurde von ihrer Schwester darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Medienkonsum vielleicht problematisch sein könnte und wurde durch sie an uns und zu uns geleitet.
Ist dieser Medienkonsum ein neueres Phänomen? Ist das Nutzerverhalten je Generation und Alter unterschiedlich?
Sicherlich ja. Sicherlich gehen die Menschen, die nicht mit dem Smartphone oder dem Internet aufgewachsen sind, anders mit Medien um. Ich bemerkt das bei meinen Eltern. Mein Vater hat ein Smartphone bekommen, hat er sich nicht gewünscht, aber nutzt es jetzt doch auch. Aber die nutzen es dann und schicken sich vielleicht Bilder per WhatsApp hin und her, aber die können das Handy auch wieder zur Seite legen und dann ist gut. Das ist nicht so omnipräsent. Die gehen auch mal ohne Handy noch aus dem Haus, das fällt nicht weiter auf. Eine Woche ohne Handy brauche ich bei meiner Tochter gar nicht erst probieren, das wird nicht funktionieren. Das würde sie nicht mitmachen und das ist sicherlich auch gar nicht der richtige Weg (Stichwort: Medienkompetenz). Wenn sie neue Schuhe hat, da macht sie meist sofort ein Video darüber. Das ist es vielleicht auch, was die Mediennutzung heute so anders macht: Diese Schnelllebigkeit. Ich habe mein erstes Handy mit 16 bekommen, mein Vater arbeitete bei der Telekom, ich saß quasi an der Quelle. Früher wusste ich genau, da war ein Pulli von der Marke total angesagt und das war dann auch eine gute Zeit lang so. Heute ändert sich das so schnell und außerdem werden Informationen nicht nur schnell hochgeladen, sondern auch in Windeseile verbreitet.
Ich glaube, es ist auch einfach inzwischen die Macht der Gewohnheit. Man hat sein Handy dabei, das ist selbstverständlich.
Und apropos Macht der Gewohnheit. Man ist ja häufig schon an so bestimmte Handbewegungen gewöhnt, die man dann auch auf andere Gegenstände anwendet. Zum Beispiel das Heranzoomen an etwas auf einem Smartphonebild. Oder das wischen. Ich habe mal ein Buch gelesen und immer auf die Seite getippt. Beim E-Book-Reader blättert man auf diese Weise um. Da vermischen sich dann manchmal die Welten.
Welche Auswirkungen und Folgen kann eine exzessive Smartphone-Nutzung auf unsere Gesundheit haben?
Auswirkungen kann es auf verschiedenen Ebenen geben:
Auf sozialer Ebene. Das hatten wir ja auch vorhin schon, wenn ich mich beispielsweise zurückziehe, Freundschaften nicht mehr so pflege oder aufrechterhalte. Natürlich auch in Bezug auf mögliche nachlassende schulische Leistungen. Übermäßiger Medienkonsum kann selbst Auswirkungen auf die sozialen Fähigkeiten haben. Hinzu kommen körperliche Probleme, die besagten Haltungsprobleme zum Beispiel, aber auch ein mögliches gestörtes Essverhalten, Sehschwierigkeiten oder Kopfschmerzen können kurz- oder langfristige Folgen sein.
Selbst Entzugserscheinen können bei Verringerung bzw. Verzicht auftauchen und sich beispielsweise in Unruhe oder Nervosität äußern.
Gibt es Therapieformen? Wo finde ich professionelle Hilfe?
Hier im Lukas-Werk. In Gütersloh gibt es außerdem eine tolle Rehaklinik, die auf Medienabhängigkeit und vor allem Spielsucht spezialisiert ist. Sie legen dort auch einen großen Wert auf die Outdoor-Aktivitäten.
Gibt es Tipps oder Hinweise, wie ich den Umgang mit dem Smartphone selbstständig reduzieren und den Umgang damit bewusster gestalten kann?
Ja, die gibt es. Wir als Erwachsene haben es tatsächlich etwas „schwerer“ als die Kinder. Da haben wir, wenn sie noch kleiner sind die Möglichkeit, ihnen den Konsum einzuschränken, indem wir bestimmte Apps sperren usw. Erwachsene müssen selbst zu der Einsicht kommen. Ein Tipp zum Beispiel wäre, den Schwarz-Weiß-Effekt auf dem Handy zu aktivieren. Alleine schon durch die Änderung der Farbe sind bestimmte Inhalte einfach auch nicht mehr so faszinierend und interessant. Sich Beiträge oder Videos auf TikTok oder Instagram in schwarz-weiß anzuschauen machen wir dann ja doch nicht so gerne.
Dadurch konnte schon nachgewiesen werden, dass man die Zeit am Handy signifikant verringern konnte.
Und auch bei Apps lassen sich bestimmte Zeitfenster einstellen, in denen man die App öffnen und nutzen kann.
Außerdem denke ich, dass man versuchen sollte, sich die Zeit bewusst zu nehmen, aber eben auch in der Lage zu sein, das Handy aus bzw. liegen zu lassen. Es spricht ja nichts dagegen, auch mal nebenher was zu gucken, aber man hat die Wahl und Wahlmöglichkeiten, seine Zeit auch noch anders zu füllen und beschränkt sich nicht alleine nur auf das Smartphone.
Brauchen wir mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung zuhause, in der Schule, im Arbeitsleben?
Sowohl als auch. Wobei wir das nicht nur an die Schulen auslagern dürfen. Wir sind ja selbst auch nicht von jeglichem Verhalten frei und sind da ja auch nicht immer die besten Vorbilder. Wir hängen ja auch häufig genug am Smartphone. Und es ist durchaus auch mal okay, wenn wir unsere Kinder vor Medien setzen. Aber das darf natürlich nicht zur Gewohnheit werden.
Gerade im präventiven Bereich, an den unterschiedlichsten Schulformen, wird in dem Bereich „Umgang mit Medien und Social Media“ schon sehr viel gemacht, da ist das Thema „Prävention“ schon gut aufgestellt und da ist auch die Nachfrage danach entsprechend hoch.
Haben Sie Fragen oder möchten Sie weiterführende Informationen erhalten? Wenden Sie sich gerne das Lukas-Werk Gesundheitsdienste unter https://www.lukas-werk.de/
