Dorf am Petersteich
Der Luftbildarchäologe Otto Braasch konnte bei einer Befliegung 1992 am Petersteich südöstlich von Süpplingenburg die Strukturen eines ehemaligen Dorfes in einem Luftbild festhalten. Deutlich zu erkennen sind rund 80 rechteckige dunkle Flächen, die Spuren von sogenannten Grubenhäusern sind. Dies waren in den Boden eingetiefte Gebäude, die als Arbeits- oder Speichergebäude zum Wirtschaftsbereich eines mittelalterlichen Gehöftes gehört haben.
Geomagnetische Untersuchungen
Auch ein weiteres modernes archäologisches Erkundungsverfahren erlaubt es ohne Einsatz des Spatens weiteren Aufschluss über das alte Dorf zu bekommen. Bei einem Magnetometer-Survey durch die Firma Schweitzer-GPI unter Einsatz eines Cäsiummagnetometers wurde versucht die Gesamtausdehnung der Dorfstelle zu erfassen. Mithilfe der Magnetisierungkontraste, die das Geät im Boden misst, konnten weitere Hausgruben festgestellt werden. Demnach war die Fläche doppelt so groß wie auf dem Luftbild zu erkennen und nahm rund 4 ha ein.
Das historische Umfeld
Das alte Dorf liegt in einem geschichtlich ausserordentlich bedeutsamen Umfeld. In nur 1,5 km Entfernung liegt die Süpplingenburg, die Stammburg Kaiser Lothars III. (1075 - 1137). Diese war mindestens seit dem 11. Jahrhundert eine der wichtigsten Burgen im Schunterraum. Das Dorf Süpplingenburg an der heutigen Stelle hat es damals noch nicht gegeben. Es spricht vieles dafür, dass das Dorf am Petersteich die Vorgängersiedlung gewesen ist. Es lag direkt am alten "Salzweg", einem der ältesten Fernverbindungen durch unsere Region, die bei Süpplingenurg die breite Niederung von Schunter und langer Welle überquerte.
Die archäologische Ausgrabung
Seit dem Sommer 2002 führt die Kreisarchäologie Helmstedt auf der Fläche des alten Dorfes Ausgrabungen durch. Durch die Voruntersuchungen konnte gezielt eine Fläche mit mehreren Grubenhausgrundrissen, die vermutlich zu einem Gehöft gehört haben, ausgewählt werden. Nach dem Abtrag des Mutterbodens zeichnen sich im hellen Sand und Kies des Untergrundes die Grundrisse der verfüllten Hausgruben deutlich ab.
Zur Überraschung der Archäologen sind die Siedlungsspuren noch sehr viel vielfältiger als auf dem Luftbild und dem Magnetometerbild zu erkennen. Neben Grubenhäusern sind Speichergebäude, Pfostenstandspuren, Herdstellen und Öfen erfaßt worden. Zeitlich gehören die Funde in das Hochmittelalter (ca. 900 bis 1200 nach Chr.). Die Häuser sind in diesem Zeitraum mehrfach erneuert worden.
Grubenhäuser und Textilhandwerk
Die bisher erfaßten Grubenhäuser haben Grundflächen zwischen 12 und 22 m². Drei von ihnen können als Webhäuser angesprochen werden. Zahlreiche runde Tonringe, mit denen die Kettfäden des Gewebes beschwert wurden, sind Überreste der Webstühle. An diesen webten die Frauen des Dorfes breite Tuche aus Leinen und Wolle für den Eigenbedarf und für die adelige Herrschaft.
In einer Ecke des Hauses stand ein einfacher Kuppelofen aus Feld- und Kalksteinen, der in den zugigen Häusern im Winter für ein wenig Wärme sorgte.
Brunnen
Ganz in der Nähe der Siedlung verlief ein Bach, der für das lebensnotwendige Wasser sorgte. Es konnte jedoch auch ein Brunnen nachgewiesen werden, der direkt auf dem Hof die Wasserversorgung sicher stellte.
Schere, Spinnwirtel und Nadeln
Neben Scherben von Kochtöpfen und Tierknochen, die das Gros der Funde ausmachen, fördern die Ausgrabungen auch manch herausragenden Fund aus dem mittelalterlichen Alltag ans Tageslicht.
Besonders attraktiv sind Objekte der Frauentracht wie eine kleine Bronzenadel mit hübsch gestaltetem Kopf und zwei aus Knochen geschnitzte Objekte. Gegenstände wie Schere, Spinnwirtel und Stecknadeln ergänzen die Belege für das Textilhandwerk.
Grabung aktuell
Die diesjährige Grabungskampagne findet vom 24.08 bis zum 15.10.2005 statt. Die Untersuchungen in einer Erweiterungsfläche von ca. 300 m² widmen sich vor allem den Fragen nach Funktion und Zeitstellung weiterer Grubenhäuser in dem ausgewählten mittelalterlichen Siedlungsareal. Daneben gilt es, den eisenzeitlichen Siedlungshorizont der Zeit um 600 vor Chr. genauer zu fassen.
Die örtliche Grabungsleitung liegt diesmal in den den Händen der Fachstudentin Birthe Lehnberg von der Universität Bamberg. Unterstützt wird sie vom altbewährten Team der archäologischen Arbeitsgemeinschaft des Landkreises Helmstedt und Christian Lampe, der für 1 Jahr Praktikant bei der Kreisarchäologie Helmstedt ist.
Am 11. September zum Tag des offenen Denkmals fand ein Tag für Groß und Klein auf dem Grabungsgelände statt. Die Besucher informierten sich in einer Ausstellung im Zelt und auf der Grabungsfläche über den Stand der Grabung.
Die Weberin Hannelore Schmidt-Becher demonstrierte am originalgetreu nachgebauten Gewichtswebstuhl mittelalterliche Webtechnik. Kinder konnten mithilfe der Brettchenweberei farbenfrohe Borten weben und kleine Beutel mit Knochennadeln nähen. Eine besondere Freude für die Grabungsmannschaft war die Freilegung zweier nahezu komplett erhaltener eisenzeitlicher Keramikgefäße just an diesem Tag.
Die Grabung als ausserschulischer Lernort 2005
Die Klasse 3b aus Süpplingen zu Besuch bei den Archäologen
Im September 2005 besuchen junge Reporter die Grabung. Die Klasse 3b der Grundschule Süpplingen führt im Rahmen des Prokjektes "Zeitung in der Schule" Interviews mit den Grabungsteilnehmern und informiert sich über die archäologische Arbeit.
Am 22. September ist für die Klasse 3b grosser Archäologie-Tag. 8 Kinder dürfen dem Grabungsteam assistieren und sieben die Erde aus einem Grubenhaus. Sehr schnell können sie Scherben, Tierknochen und gebrannten Lehm erkennen und in die Fundkörbe sammeln.
Eine weitere Gruppe töpfert mit Karin Neumann einfache Schalen und Tassen.
Und Hannelore Schmidt-Becher webt mit den Kindern bunte Borten in Brettchenweberei. Bei strahlender Herbstsonne und viel, viel Freude haben alle eine Menge über Archäologie und das Mittelalter erfahren.
Neue Erkenntnisse 2005
Im Grubenhaus 121 wurde das Bruchstück einer roten Glasperle aus dem 9. Jh. gefunden. Solche Perlen waren sehr wertvoll, da für die Erzielung der roten Farbe der Glasmasse Edelmetall zugegeben werden mußte.
Auch zwei vollständige, sehr sorgfältig gearbeitete Spinnwirtel aus diesem Haus gehören in das Frühmittelalter des 9. Jh.
Damit liegen wichtige Hinweise dafür vor, dass das alte Dorf am Petersteich bereits in der karolingischen Zeit bestanden hat.
Sehr grob gearbeitete Topfscherben aus einer weiteren Siedlungsgruben geben sogar den ersten Fingerzeig auf eine noch frühere Entstehung des frühmittelalterlichen Dorfes im 7./8. Jahrhundert. Damit würde das Dorf zu den ältesten nachweisbaren mittelalterlichen Siedlungen im Helmstedter Raum gehören.
Ein besonderer Fund
Ein besonderer Fund konnte auf der Basis eines Grubenhauses aus dem 11. Jh. geborgen werden. Es handelt sich um eine seltene rechteckige Fibel aus Bronze, die als Kleiderverschluß gedient hat. Solche Fibeln wurden vor allem von sozial höher stehenden Personen getragen. Die Rückseite zeigt eine geschlossenen und eine offene Öse, durch die die Nadel der Fibel gesteckt wurde.
Neue Erkenntnisse 2006
Ein lange genutztes Grubenhaus
Das Profil durch Haus 52 zeigt deutlich drei Hauptphasen. Jedes mal ist das Haus vergrößert und mit neuen Außenpfosten versehen worden.
In der Nordostecke des ältesten Hauses stand ein kleiner Ofen, der einmal erneuert worden ist. Die Brennkammer war mit 25 x 45 cm sehr klein. Die zugehörigen Fußböden sind dunkle Holzkohlebänder. Offensichtlich hat sich immer wieder Ruß abgesetzt und Holzkohle aus den Öfen ist verteilt worden.
Möglicherweise handelt es sich um einen Räucherofen und das Haus 52 ist der Platz der mittelalterlichen Hofräucherei.
Bauerndorf oder Herrenhof?
Eine Räucherei ist im Hochmittelalter nur im herrschaftlichen Umfeld denkbar. Damit liegt ein erster Hinweis dafür vor, dass die Siedlung am Petersteich kein gewöhnliches Dorf sondern ein herrschaftlicher Hof gewesen ist.
Ziegelsteine, glasierte Dachpfannen und Glas
Im Schutt der jüngsten Umbauphase des Haues 52 fanden die Ausgräber überraschenderweise Architekturbestandteile aus dem 12. Jahrhundert, die für diese Zeit im ländlichen Milieu völlig ungewöhnlich sind.
Bauelemente wie Ziegelsteine und glasierte Dachpfannen aus Ton oder gar Glas können nur Zubehör eines herausragenden herrschaftliche oder kirchlichen Gebäudes gewesen sein. Vermutlich stand ein solches Gebäude in der Nähe und nach seinem Abbruch sind Teile davon als Schutt in das Grubenhaus gelangt.
Neue spannende Fragen
Die Erkenntnisse aus Haus 52 ebenso wie der Nachweis einer Schmiede mit Reiterzubehör des Adels werfen ein völlig neues Licht auf die Siedlung am Petersteich. Sollte es sich hier um einen wichtigen adeligen Wirtschaftshof gehandelt haben, der in unmittelbarem Bezug zur Süpplingenburg gestanden hat?. Gehörte dieser Wirtschaftshof zu den Ländereien Kaiser Lothars III., der sich ja nach der Burg an der Schunter benannte? Stand auf diesem Hof ein repräsentatives Wohngebäude, das der Herrscherfamilie und ihrem Troß als Unterkunft gedient hat?
Die Grabung als ausserschulischer Lernort 2006
Auch 2007 waren wieder mehrere Schulklassen auf der Grabungsstelle zu Besuch und erhielten theoretische und praktische Einführung in die Mittelalterarchäologie.
Hier der Erfahrungsbericht aus der Beireis-Realschule:
Der WPK-Kurs Geschichte der Beireis-Realschule Helmstedt machte sich am 26.09.2006 mit Fahrrädern auf den Weg nach Süpplingenburg. Dort wollten wir eine Ausgrabungsstätte besuchen.
Als wir dort ankamen, bekamen wir auch gleich Arbeit zugeteilt. Meine Freundin Mandy und ich durften zuerst ausgraben. Dazu brauchten wir eine Schaufel. Wir fanden einiges: Knochen, Ton, Kohlereste, Scherben. Als wir damit fertig waren, wurden wir weiter zugeteilt. Wir mussten den abgeräumten Sand noch einmal durchsieben, da sich vielleicht noch etwas darin befinden könnte, was wir übersehen haben.
Als nächstes sollten wir einen einfachen mittelalterlichen Ofen mit vorgefundenen Natursteinen nachbauen. Er ist zwar öfter zusammengebrochen, aber am Ende haben wir es doch noch geschafft.
Dann mussten wir ein mittelalterliches Haus nachbauen, d.h. mit Hölzern auf der Wiese ausmessen.
"Es hat allen sehr viel Spaß gemacht und wir würden gern noch einmal dorthin fahren."
Vanessa Geldszus, Klasse 7b
